Samstag, 29.2.2020, ab 20:00 Uhr Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Christian Friedrich Delius

In seinem unterhaltsam-bissigen Porträt eines Freidenkers arbeitet der hochpolitische Berliner Autor ohne Blatt vor dem Mund mit Namen, Fakten, Skandalen, die uns allen vertraut sind.

Kassandra wird gekündigt. "Kassandra" ist der Spitzname eines durchaus heiteren Wirtschaftsredakteurs, der den Fehler hat, lieber eigenen Recherchen zu folgen als den Pressesprechern der Minister und Konzerne. Der in der Kantine schon mal die Frage stellte, welche Politiker wohl in die Hölle kommen müssten, nachdem sie jahrzehntelang eine vernünftige Einwanderungspolitik verweigert haben. Noch am Abend seiner Entlassung schreibt er weiter - nun im Tagebuch, frischer und frecher. Manchmal denkt er dabei an seine achtzehnjährige Nichte, die später vielleicht fragen wird: Wie war das damals im frühen 21. Jahrhundert, als Europa auseinanderbröselte?

So konzentriert er sich auf die Vergewaltigung Griechenlands in der Bankenkrise. Und auf die Blindheit gegenüber China, das mit seiner Wirtschaftsmacht und antidemokratischen Ideologie immer näher rückt. Der gefeuerte Journalist flaniert durch Berlin und durch die deutsche Presse; er hört Jazz und das tektonische Beben der alten Weltordnung. Mit seinem Freund Roon, der nach Jahren in den USA nun Landarzt auf Rügen werden will, phantasiert er beim Wandern über die Kreidefelsen schon mal hundert Jahre voraus: wenn dankbare Chinesen der heutigen Kanzlerin ein Denkmal auf Rügen errichten...

Friedrich Christian Delius arbeitet in seinem widerborstigen, pointierten, hochpolitischen und hellsichtigen Roman mit Namen, Fakten, Skandalen, die uns allen vertraut sind. Er versucht erst gar nicht, jene Personen zu fiktionalisieren, gegen die sich die Wut seines Protagonisten richtet. Die beiden Finanzminister, deren Namen mit Sch. beginnen - wir wissen, wer gemeint ist; Frau M., auch "MÜK" genannt, die "maßlos überschätzte Kanzlerin"; der "allzeit grinsende Ex-Verkehrsminister, blind vor SUV und Renditesuff", sein Kollege Horst S. von der Heimatfront und Ungarns Orbán als selbsternannter Verteidiger des christlichen Abendlandes.